MOBILITÄT

Energieversorgung der Zukunft: mehr Praxis wagen

Wie sieht die Energieversorgung von morgen aus und welche Rolle spielt die Energiewirtschaft dabei? Ein Beitrag von Jochen Schwill, Gründer und Geschäftsführer der Next Kraftwerke GmbH.

Jochen Schwill
Jochen Schwill ist Gründer und Geschäftsführer der Next Kraftwerke GmbH. Das Unternehmen vernetzt die Erzeugung und Abnahme von Strom mithilfe eines virtuellen Kraftwerks.

Energiewende, Digitalisierung und erneuerbare Energien: Die Energiewirtschaft ist im Umbruch und hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten bereits massiv gewandelt. Produkte und Technologien ändern sich rasant. Den Wandel verdeutlicht allein ein Blick auf die Zahl stromproduzierender Einheiten in Deutschland: Waren es 1990 lediglich 800, sind es heute rund 1,7 Millionen. Viele davon produzieren Energie aus erneuerbaren Quellen. Dazu zählt auch jede Photovoltaikanlage und jedes Windrad. Energie wird zunehmend dezentral erzeugt. Das ist eine gewaltige Herausforderung für die Energieversorgung der Zukunft. Sie muss Dezentralität und unvermeidliche Fluktuationen zuverlässig managen.

Energieversorgung der Zukunft: Neue Rollen und Geschäftsmodelle

Worauf wollen wir noch warten? Die Technologien, mit deren Hilfe wir uns vollständig mit Energie aus erneuerbaren Quellen versorgen können, sind längst vorhanden. Allerdings fordert die neuartige Form der Stromerzeugung eine Industrie heraus, die auf einer komplexen Infrastruktur beruht, die über ein Jahrhundert gewachsen ist. Wie geht die Energiewirtschaft mit dieser Kleinteiligkeit um? Am besten indem sie an wichtigen Grundlagen wie der Digitalisierung der Stromnetze arbeitet, über den Tellerrand hinweg neue Geschäftsmodelle als Inspiration nutzt und Kooperationen anstrebt. Das wird ihr leichter fallen, wenn sie neue Geschäftsmodelle und Marktteilnehmer, die die Energiewende vorantreiben, nicht nur als Konkurrenz wahrnimmt, sondern auch als Bereicherung.

Das virtuelle Kraftwerk

Bei Next Kraftwerke setzen wir dort an, wo etablierte Energieversorger sich schwertun. Wir organisieren Dezentralität und setzen auf Flexibilität bei der Bereitstellung von Energie aus erneuerbaren Quellen. Der Grundgedanke ist einfach: Wir bedienen einen Markt, der zunehmend durch die Verfügbarkeit von günstigen alternativen Energien etwa aus Wind oder Sonnenkraft geprägt ist und in dem auch Privatpersonen mit den entsprechenden Flächen in die Produktion einsteigen können. Dort sorgen wir mit unserem virtuellen Kraftwerk für die digitale Vernetzung von Stromproduktion und gewerblichem Verbrauch, unabhängig von der Größe oder dem Standort der Strom produzierenden Anlage. Diese Vision der dezentralen Energiewelt, von flexiblem Verbrauch und dezentraler Speicherung ist das Gegenteil dessen, wie die Energiewirtschaft traditionell bisher gearbeitet hat. Dezentralität, Fluktuation und Energie aus erneuerbaren Quellen sind die Faktoren, die die Energieversorgung der Zukunft bestimmen werden. Wir haben als Unternehmen keine Sachanlagen, sondern steuern über das virtuelle Kraftwerk alle vernetzen Anlagen komplett automatisiert über eine virtuelle Steuerungsanlage. Insgesamt sind das 10.000 Strom produzierende Anlagen, was etwa der Leistung von drei bis vier Atomkraftwerken entspricht. Ein Algorithmus errechnet für jede Anlage den besten Fahrplan, abhängig von Wetterlage und Verbrauch. Wer mag, kann auf unserer Website in einer kleinen Simulation testen, wie diese virtuelle Steuerzentrale arbeitet.

Unser virtuelles Kraftwerk war eines der ersten zwei in Deutschland und wir wurden zu Anfang als Utopisten belächelt. Heute verschafft unser Modell auch kleineren Anlagen eine Marktposition. Das ist notwendig, wenn wir die Energie aus erneuerbaren Quellen umfassend integrieren wollen.

Die Energieversorgung der Zukunft

Das virtuelle Kraftwerk ist nur ein Baustein für die Energieversorgung der Zukunft. Es ist ein Modell, das sich bewährt hat und über das Potenzial verfügt, sich weiterzuentwickeln. Aber auch die großen Energieunternehmen haben ihren Platz, wenn sie das, was sie besonders gut können, mit dem verbinden, was die Zukunft verlangt. Etwa bei der Energie aus erneuerbaren Quellen: 

„Die großen Energieunternehmen sprechen die Sprache hochkomplexer Infrastrukturen. Sie müssen diese Expertise lediglich anpassen.“

Wie so etwas funktioniert, zeigt das Energieunternehmen Ørsted in Dänemark. Der klassische dänische Energieversorger ist heute Weltmarktführer im Bereich Windenergie aus Offshoreanlagen.

Auch nach der Energiewende und mit der zunehmenden Nutzung von Energie aus erneuerbaren Quellen bleiben die Verteilung und Speicherung von Strom die Domäne der klassischen Energiewirtschaft und weiterhin Themen, die nach neuen Lösungen verlangen. Die großen Unternehmen müssen sich jetzt entscheiden: Wollen sie an Altem festhalten und damit ihren langfristigen Erfolg aufs Spiel setzen, oder wollen sie sich wandeln und auch weiterhin eine wichtige Rolle einnehmen. Klar ist: Der zu verteilende Kuchen wird etwas kleiner sein. Aber die CO2-neutrale und nachhaltige All Electric Society, die das Ziel sein sollte, wird in Zukunft sogar noch mehr Strom verbrauchen als bisher. Das betrifft eine zunehmende Zahl von Sektoren, darunter E-Mobilität, Industrie, Transport, Logistik und Wärmeerzeugung.

Wir müssen Tempo machen

Was morgen sein wird, verrät uns keine Kristallkugel. Vielleicht wird das virtuelle Kraftwerk ersetzt durch ein System, bei dem die Ladestation des E-Autos selbstständig mit dem Windrad kommuniziert. Diese Vision mag im Moment hyperkomplex anmuten, aber wir haben gelernt, dass für die Energieversorgung der Zukunft nichts undenkbar sein sollte.

„Klar ist nur, dass wir dem Klimawandel heute mit Tempo und Wucht begegnen müssen.“

Wir brauchen eine Denkweise, die neue Lösungen nicht nur analysiert, sondern sie praktisch einsetzt. Für die Energieversorgung der Zukunft müssen wir die Energieversorgung ganzheitlich betrachten und neu denken: von der Erzeugung des Stroms bis zu den Unternehmen und Menschen, die ihn abnehmen. Das fällt anderen Ländern momentan schon leichter als Deutschland. Der Wandel wird aber vor nichts Halt machen: vor keinem Haus, keinem Auto und keinem Flugzeug. Dafür brauchen wir, gerade im Bereich der Energie aus erneuerbaren Quellen, wesentlich stabilere Grundlagen. Zum Beispiel im Handwerk, wenn es um den Ausbau von Photovoltaikanlagen auf Dächern geht. Es ist eine große Aufgabe, die wir innerhalb einer Generation lösen müssen. Der Aufwand dafür ist gigantisch, gesamtgesellschaftlich und für die Umwelt aber die bessere und auch wesentlich günstigere Lösung.

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