PLATTFORMEN

Die Vernetzer

Was früher der Marktplatz im Dorf war, sind heute digitale Plattformen im Internet. Als virtuelle Orte des Austauschs treiben sie die Vernetzung der Welt voran – und bieten auch Wohnungs- und Energiewirtschaft spannende Potenziale.

Den Megatrend der Konnektivität – die enge Vernetzung von allem und jeden – könnte es nicht geben ohne Orte des Austauschs. In digitalen Infrastrukturen übernehmen Plattformen diese Rolle. Sie bilden heute die Basis schlechthin für eine orts- und zeitunabhängige Vernetzung von Menschen, Organisationen und Informationen. Ob es die Konnektivität ohne Plattformen überhaupt zum Megatrend geschafft hätte? Fraglich.

Plattformökonomie: globale Marktmacht

In der Plattformökonomie, die die Vernetzung zum Geschäftsmodell erhoben hat, tummeln sich sonore Namen wie Google, Amazon, Facebook, Apple, Alibaba, Salesforce oder Microsoft. Die großen Player der Branche gehören heute zu den wertvollsten Unternehmen der Welt. Die globale Marktmacht der Plattformökonomie beeindruckt: Laut theoriginalplatformfund.de haben die 100 wertvollsten Plattformen der Welt im ersten Halbjahr 2021 um 1,6 Billionen Dollar an Wert gewonnen – und landen damit bei einem Gesamtwert von 15,5 Billionen Dollar. Die Nase vorn haben dabei übrigens die Amerikaner, Europas Anteil an den Top-100-Plattformen liegt bei nur drei Prozent.

  • 74 Prozent: Amerika

  • 22 Prozent: Asien-Pazifik

  • 3 Prozent: Europa

  • 1 Prozent: Afrika

* Quelle: theoriginalplatformfund.de (Stand Juli 2021)

Deutsche Wirtschaft: Zurückhaltung vs. Zukunftspotenzial

Über den Blick der deutschen Wirtschaft auf digitale Plattformen gibt der Digitalverband Bitkom in seinem Chartbericht „Digitale Plattformen“ (2020) Auskunft. Demnach sehen 45 Prozent der deutschen Unternehmen mit mindestens 20 Mitarbeitern digitale Plattformen eher oder ausschließlich als Chance, 30 Prozent hingegen empfinden sie eher oder ausschließlich als Risiko. Jede dritte Firma investiert verstärkt in Plattformen. Besonders im Handel betrachten viele Unternehmen (60 Prozent) Plattformen als Chance, die Dienstleistungsbranche und Industrie zeigen sich mit 43 und 37 Prozent zurückhaltender. Welche Überlegungen hinter diesen unterschiedlichen Bewertungen der Plattformpotenziale stecken, zeigt ein Blick auf die Vor- und Nachteile von digitalen Plattformen, wie die befragten Unternehmen sie angeben.

Was spricht aus Sicht deutscher Unternehmen für und gegen den Einsatz von Plattformen?*

Doch auch wenn die Kosten-Nutzen-Abwägung in manchem Betrieb noch nicht final abgeschlossen scheint: Der Großteil der Befragten denkt, dass digitale Plattformen in zehn Jahren wichtig sein werden für die weltweite (90 Prozent) und die deutsche Wirtschaft (89 Prozent). Für ihre eigene Branche sehen 83 Prozent und für das eigene Unternehmen 75 Prozent der Teilnehmer die Wichtigkeit digitaler Plattformen in zehn Jahren. Unterm Strich also bescheinigt die überwiegende Mehrheit der deutschen Unternehmen digitalen Plattformen großes Zukunftspotenzial. Klar ist allerdings auch: Die digitale Welt entwickelt sich rasant, die Marktmacht der Plattformökonomie wächst unaufhörlich und Europa spielt dabei bisher nur eine nachgelagerte Rolle. Unternehmen, die digitale Plattformen für die Weiterentwicklung ihrer Geschäftsmodelle nutzen möchten, sind also gut beraten, damit nicht noch zehn Jahre zu warten.

Auch in der Wohnungs- und Energiewirtschaft ist eine immer stärkere Vernetzung von Akteuren, Organisationen, Geräten, Gebäuden und deren Daten gefragt, um den Herausforderungen der Zukunft entgegenzutreten. Plattformen bieten den Branchen spannende Chancen, um mehr Konnektivität zu leben.

Plattformen für die Wohnungswirtschaft

Wer über Plattformen in der Wohnungswirtschaft nachdenkt, landet fast reflexartig bei den zahlreichen Immobilienplattformen, über die heute Wohnraum angeboten wird und sich Mieter und Vermieter, Makler, Verkäufer und Käufer finden können. Doch die Potenziale für Immobilien- und Wohnungsunternehmen gehen weit darüber hinaus. Die Wirtschaftsprüfer von KPMG etwa schreiben Plattformen eine wichtige Rolle bei der Digitalisierung der institutionellen Wohnungswirtschaft zu: „Der Trend geht zu offeneren Systemen, die eine schnellere Anbindung neuer Technologien ermöglichen. Die Unternehmen setzen neben dem originären ERP-System zudem weitere Systeme ein oder beabsichtigen neue Systemlösungen, zum Beispiel Entwicklungen von PropTechs, in die Infrastruktur einzubinden. Weiter heißt es dort:

„Dies soll durch digitale Plattformen schnell, effizient, ohne größere Risiken und vor allem ohne aufwendige Schnittstellenentwicklung ermöglicht werden. Diese Technologien werden derzeit mit Nachdruck von den Unternehmen gefordert.“

Dabei gilt: Verschiedene Plattformarten gehen mit unterschiedlichen Möglichkeiten der Nutzung einher. Der Plattformanbieter Kiwi erläutert in einem Blogbeitrag anschaulich, welche Arten von Plattformen in der Wohnungswirtschaft relevant sind: Demnach ist zunächst zwischen technischen Plattformen zu unterscheiden und solchen, die als Geschäftsmodell betrieben werden. Während erstere vor allem die Aufgabe haben, verschiedene Anwendungen zu integrieren, agieren letztere als digitaler Marktplatz für Produkte und Services, die nicht zwingend ihre eigenen sind.

Außerdem gibt es offene und geschlossene Plattformen, die die Teilhabe anderer Unternehmen zulassen oder nicht. Beispiele für wohnungswirtschaftliche Plattformen bestehen dem Artikel zufolge bereits in Hülle und Fülle: Neben den hinreichend bekannten Vermietungsplattformen gibt es Plattformen für digitale Services rund ums Thema Wohnungen, für Modernisierungsmaßnahmen, zum Asset Management, Facility Management, zum digitalen Mieter- oder für das Zutrittsmanagement. Diese dynamische Entwicklung bestätigt, dass der Wandel in Richtung Plattformmodellen in vollem Gange ist – auch, weil Kunden sich in vielen Branchen zunehmend an diese Art der Convenience gewöhnen.

Der Endkunde und seine Bedürfnisse als Treiber

Auch in der Wohnungswirtschaft sind die Kunden und ihre Bedürfnisse wichtige Treiber hin zu mehr digitalen Plattformen. Ein Beispiel: Das Zahlungsverhalten der deutschen Verbraucher wandelt sich; immer mehr Menschen möchten ihre Miete nicht mehr per Lastschrift oder Überweisung, sondern über Online-Bezahldienste wie PayPal, Apple Pay oder Google Pay begleichen. Ein Wunsch, den institutionelle Vermieter kaum auf eigene Faust erfüllen können, ist die Anbindung an die verschiedenen Systeme doch komplex und aufwändig. Abhilfe schaffen Payment-Plattformen: Sie agieren als Mittler zwischen Vermieter, Zahlungsanbieter und Mieter. Der Kunde begleicht seine Miete auf dem Weg, den er sich wünscht – und der Vermieter erhält alle Abrechnungen übersichtlich und automatisiert verarbeitbar.

Das Zahlungsverhalten der Deutschen wandelt sich, unter anderem Online- und Mobile Payment sind auf dem Vormarsch.

Payment-Plattformen für die Wohnungswirtschaft agieren als Mittler zwischen Mieter, Vermieter und Zahlungsanbieter.

Plattformlösungen dieser Art enden aber nicht beim Online-Bezahldienst. Sie können auch die Basis dafür bieten, flexibel auf neue Kundenwünsche zu reagieren und neue Geschäftsmodelle umzusetzen. Als Beispiel sei hier ein Modell genannt, das in Zukunft weiter an Bedeutung gewinnen dürfte: Viele institutionelle Vermieter arbeiten an Services, die sie ihren Mietern neben reinem Wohnraum anbieten können. Die Bandbreite geht von Wäsche- und Reinigungsservices über Postfächer bis hin zu Mobilitätsangeboten. Sollen diese neuen Services sich für die Unternehmen prozessual und monetär lohnen, führt kein Weg an Plattformen vorbei.

Plattformen für die Energiewirtschaft

Auch in der Energiewirtschaft wächst mit zunehmender Digitalisierung die Relevanz digitaler Plattformen. „Die Energie-Plattformen werden trotz der regulatorischen Anforderungen die Spielregeln der lokalen, regionalen und internationalen Märkte neu definieren“, heißt es bei theoriginalplatformfund.de. Ähnlich wie in der Wohnungswirtschaft sind die Einsatzmöglichkeiten breit gestreut. Noch viel stärker als bei den Vermietern hängen sie bei den Versorgern allerdings damit zusammen, welche Rolle letztere in Zukunft einnehmen möchten. Das Prüfungs- und Beratungsunternehmen Deloitte definiert in „Plattformlösungen in der Versorgungsindustrie“ eine Reihe verschiedener Anwendungsszenarien:

  1. Geschlossene Plattform für eine standardisierte, kostengünstige Abbildung von Abrech-nungsprozessen, Marktkommunikationen, des Energiedatenmanagements oder der Geräteverwaltung

  2. Offene Vermarktungsplattform für Energiedienstleistungen und Bündelprodukte aus Commodities und Non-Commodities 

  3. Plattform zur Digitalisierung und Automatisierung des Netzbetriebs, die End-to-End-Netzprozesse vom Haus-Netzanschluss über die Inbetriebsetzung und Bauausführung bis hin zum Marktstammdatenregister vollständig abbildet

  4. Offene Plattform für Smart-Meter-Prozesse, die dem Endkunden direkten Einblick in Ver-brauch, Zustand und Konfiguration seiner Smart-Home-Geräte und dem EVU direkten Kundenkontakt gewährt

  5. Marktrollenübergreifende Plattform als datengestützte Entscheidungshilfe, die bessere In-sights in Bezug auf Asset Maintenance, Performance und Risk Assessment schafft und dem EVU zu effektiveren Entscheidungen verhilft

Der Weg zur Umsetzung von Plattformlösungen

Die Beispiele machen deutlich: Anwendungsoptionen gibt es mehr als genug, und allesamt sind sie mit spannenden Chancen verbunden. Daran schließt sich jedoch eine entscheidende Frage an: Was braucht es nun, um digitale Plattformen noch stärker in die Umsetzung zu bringen? Die Betrachtung der Marktsituation lässt zwei große Herausforderungen erkennen.

Herausforderung A:

Datenschutz und IT-Sicherheit

Der Bitkom-Chartbericht „Digitale Plattformen“ (2020) zeigt deutlich, welche Punkte deutsche Unternehmen als zentrale Hemmnisse empfinden, wenn es um den Einsatz digitaler Plattformen geht: Es sind vor allem Anforderungen an den Datenschutz, Anforderungen an die IT-Sicherheit sowie fehlendes, qualifiziertes Personal, das die Betriebe vor dem Thema Plattformen zurückschrecken lässt.

Mehr als acht von zehn Befragten sind der Meinung, dass die Politik den Aufbau deutscher und europäischer Plattformen fördern sollte. Mehr als die Hälfte von ihnen wünscht sich von der Politik europaweit einheitliche Regeln für digitale Plattformen und 50 Prozent fordern mehr Rechtssicherheit in diesem Bereich.

Mehr als acht von zehn Befragten sind der Meinung, dass die Politik den Aufbau deutscher und europäischer Plattformen fördern sollte. Mehr als die Hälfte von ihnen wünscht sich von der Politik europaweit einheitliche Regeln für digitale Plattformen und 50 Prozent fordern mehr Rechtssicherheit in diesem Bereich. Ebenfalls erwähnenswert: 32 Prozent der Befragten würden es als sinnvoll erachten, wenn die Politik sie bei Kooperationen mit anderen Unternehmen zum Aufbau digitaler Plattformen unterstützt. Hier ist also mehr Konnektivität gefragt – es scheint nur am richtigen Hebel zu fehlen.

Herausforderung B:

Konsolidierung als nächster Evolutionsschritt

Anwendungsfälle für digitale Plattformen gibt es sowohl bei den Energieversorgern als auch in der Immobilienbranche in Hülle und Fülle – allerdings sind sie oft noch sehr kleinteilig strukturiert.

Das wird beispielsweise deutlich, wenn es um die Smart-Living- und Smart-Building-Anwendungen gibt. Gebäude werden schon heute immer mehr zu Datenproduzenten. Intelligente Geräte vom Kühlschrank über den Rauchmelder bis hin zum Aufzug produzieren Datenströme. Sie gilt es künf-tig an geeigneter Stelle – auf digitalen Plattformen – zusammenzuführen, zu analysieren und zum Beispiel in Services oder Maßnahmen zu übersetzen. Letzteres natürlich möglichst automatisiert. Energieeffizienz-, Sicherheits- oder AAL-Anwendungen werden darüber künftig genauso zu steuern sein wie etwa das Facility Management oder Reparatur-, Wartungs- und Instandhaltungsmaßnahmen.

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