MEGATREND URBANISIERUNG

Quo vadis Metropolis?

Megacities der Zukunft stehen vor enormen Herausforderungen und Smart-City-Konzepte bieten Lösungwege für eine lebenswerte, klimagerechte urbane Zukunft. Die Aufgabenfelder sind vielfältig. Im Mittelpunkt einer gelungenen Digitalisierung steht jedoch nicht die Technologie, sondern immer der Mensch.

Die Bevölkerung wächst rasant und konzentriert sich zunehmend im urbanen Raum. Derzeit leben 50 Prozent der Weltbevölkerung in Städten, bis 2050 sollen es laut UN-Schätzung mehr als Dreiviertel sein. Von zehn Milliarden Menschen auf der Erde werden dann mehr als sieben Milliarden in Metropolen leben. Beschrieben wird dieser Konzentrationsprozess mit „Urbanisierung“. Urbanisierung bedeutet „die Ausbreitung städtischer Lebensformen“, was einerseits das Wachstum von Städten bedeutet, andererseits die städtisch geprägte Erschließung ländlicher Regionen und verändertes Sozialverhalten der Bewohner. Für das Zukunftsinstitut ist Urbanität „eine Frage des Mindsets“, der die Art des Zusammenlebens, des Arbeiten und die Gestaltung zukünftiger Städte definiert.

Prof. Dr.-Ing. Stefan Siedentop
Städteforschungsinstitut ILS

„Metropolen und Metropolregionen bleiben aber Orte von Wachstum und Innovation und damit auch bevorzugte Zielgebiete von internationaler und nationaler Migration.”

Corona-Pandemie – Sackgasse für die Urbanisierung?

Angesichts der Corona-Pandemie stellen sich viele die berechtigte Frage, ob der Trend Urbanisierung Zukunft hat. Aktuell ist dieser tatsächlich ausgebremst, da Ballungsräume eine Verbreitung des Virus begünstigen. Teile der Bevölkerung zieht es aufs Land, auch weil Homeoffice die physische Nähe zum Arbeitsplatz überflüssig macht. Experten sind sich jedoch sicher: „Metropolen und Metropolregionen bleiben aber Orte von Wachstum und Innovation und damit auch bevorzugte Zielgebiete von internationaler und nationaler Migration“, so die Prognose von Prof. Dr.-Ing. Stefan Siedentop, Städteforschungsinstitut ILS. Städte bleiben attraktiv, schon allein wegen des Angebots an Jobs, Infrastruktur, Versorgung und Kultur. Bei der Frage, wie Städte der Zukunft widerstandsfähiger werden können, ist neben Themen wie Nachhaltigkeit, Umweltschutz, saubere Umwelt oder Wohnraum auch die Frage des Gesundheitsschutzes relevant.

Gemeinschaftliches Wohnen – Chance für die Wohnungswirtschaft

Das Zusammenleben auf immer engerem Raum führt zu neuen, flexiblen Lebensformen. Der Wohntrend Co-Living ist, ähnlich wie das Konzept der Co-Working-Spaces, auf die vorübergehende Nutzung und das Teilen von Wohn- und Arbeitsraum ausgerichtet. Konzepte wie das Quarters mit Hubs in Berlin und Amsterdam, in denen Privatspaces mit komfortabel eingerichteten Gemeinschaftsräumen kombiniert werden, setzen erfolgreich auf diesen Trend, der nicht nur junge Menschen anspricht. Das Zukunftsinstitut beschreibt diese Lebensform als generationenunabhängige Ausdrucksform des Urban Mindset: „Co-Living ist nicht mehr nur ein Modell für Studierende. Auch Senioren und Berufstätigen-WGs sowie Mehrgenerationenhäuser werden populärer.“

Modularer Aufbau von Wohnraumflächen sind für unterschiedliche Zwecke nutzbar und passen sich den Bedürfnissen der Bewohner an.

Co-Living ist nicht nur bei Studenten populär, sondern für alle Generationen eine attraktive Option

Zunehmend wird ein und dasselbe Gebäude für Wohnen, Arbeiten, Workshops oder Partys genutzt. Flächen müssen modular aufgebaut werden, um sich den Bedürfnissen der Bewohner bzw. Co-Worker anpassen zu können. Für Wohnungsbauunternehmen gilt es, die flexible Nutzung bei Neubauten einzuplanen. Energieeffiziente Gebäudeautomation und Services rund ums Wohnen, Leben und Arbeiten eröffnen der Wohnungswirtschaft neue Geschäftsmodelle, nicht nur um Einsparpotenzial zu generieren, sondern auch um die Mieterzufriedenheit zu steigern.

Das ganze Leben vor der Haustür

Um der Weitläufigkeit von Megacities etwas entgegenzusetzen, kursiert bei Planern für die Stadt der Zukunft das Konzept der 15-Minuten-Stadt. Dabei soll der Raum so segmentiert und dezentralisiert werden, dass alle notwendigen Bereiche des täglichen Lebens wie Einkaufsmöglichkeiten, Ärzte, Bildungseinrichtungen, Behörden, sportliche Einrichtungen, Naherholungsflächen und öffentliche Verkehrsmittel innerhalb von 15 Minuten mit dem Fahrrad oder zu Fuß zu erreichen sind – Dorfleben in der Großstadt.

Lebenswerte Quartiere sind jene, in denen Besorgungen für den täglichen Bedarf in 15 Minuten zu Fuß erledigt werden können.

Smart City als interaktives Erlebnis

Auf die Frage, wie Städte der Zukunft weitgehend klimaneutral, energieeffizient, wirtschaftlich und vor allem lebenswert für deren Bewohner gestaltet werden können, bietet die Vision der Smart City Antworten. Neue Technologien und die intelligente Nutzung von Daten dirigieren Menschenströme und koordinieren deren Versorgung. Klimaneutrale Autos oder öffentlicher Nahverkehr fahren autonom und werden über eine App gebucht, wobei sich die Strecke nach dem jeweiligen Verkehrsaufkommen richtet. Mit Sensoren ausgestattete Parkplätze zeigen freie Plätze an, selbstverständlich mit dazugehöriger Ladestation. Lebensmittel werden auf dem Weg zur Arbeit online bestellt und am Abend geliefert. Intelligente Haushaltsgeräte erledigen automatisch die Wäsche oder den Abwasch, während die Bewohner im urbanen Dachgarten entspannen oder ihr eigenes Obst und Gemüse anbauen.

Die Menschen im Mittelpunkt

Dabei sind es jedoch nicht „nur“ digitale Technologien, die eine Stadt smart machen. Es geht um die Integration aller Assets einer Stadt und umfasst Stadtplanung und -bebauung, aber vor allem die Bedürfnisse der Bewohner.

„In vielerlei Hinsicht basiert ein Smart-City-Konzept lediglich auf guter Stadtplanung, die sowohl Fortschritte in den digitalen Technologien als auch neue Denkansätze für uralte urbane Konzepte wie Beziehungen, Gemeinschaft, Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein, demokratische Beteiligung, Good Governance und Transparenz berücksichtigt“,

so die Definition von Urban hub, einer interaktiven Plattform, die sich mit der Zukunft unserer Städte und smarter Mobilität befasst.

Ideen auf die Straße bringen

Zahlreiche Unternehmen, Wirtschaftszweige, Initiativen und auch die Politik beschäftigen sich mit Umsetzungen, die zu einer energieeffizienten, lebenswerten Stadt führen. Der von Roland Berger aufgelegte Smart City-Strategy-Index macht den Umsetzungsgrad der Städte in Sachen Smart City messbar. Der Index definiert hier Handlungsfelder wie Gebäude, Energie & Umwelt, Government, Mobilität, Gesundheit und Bildung, aber auch Infrastruktur, politische und rechtliche Rahmenbedingungen sowie strategische Planung sind Kriterien.

Größte Defizite sehen die Berater vor allem im strategisch planerischen Bereich. Grund sind unklare Verantwortlichkeiten und fehlende Koordination der verschiedenen Akteure durch eine zentrale Stelle.

„Umgekehrt sind jene Städte, die ein zentrales Entscheidungsorgan wie die Smart City Agency in Wien oder den Chief Digital Officer in London haben, erfolgreich in der Umsetzung und führen dementsprechend im Ranking“, erklärt Projektleiter Thorsten Henzelmann. Zudem zeigt sich, dass auch die rechtlichen Rahmenbedingungen eine wichtige Rolle spielen. Hier geht es vor allem um den Datenschutz, der von den nationalen Regierungen so ausgestaltet werden muss, dass die Städte Daten rechtssicher nutzen können und diese gleichzeitig geschützt bleiben.

Förderung von Kommunen

Seit dem ersten Quartal 2019 fördert das Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat (BMI) kommunale Modellprojekte Smart Cities, um die Planung und Umsetzung digitaler Strategien für lebenswerte Städte zu beschleunigen und will damit im Zeitraum von 2019 bis 2028 circa 85 Modellprojekte fördern. Handlungsempfehlungen und Arbeitsmittel werden vom weltweit führenden Netzwerk „Bee Smart City“ zur Verfügung gestellt. Ziel ist es, Kommunen zu befähigen, sich zu einem nachhaltigen, lebenswerten Ort zu entwickeln, immer mit Blick auf die Menschen, nicht auf die Technologie. 

Bei der Transformation stützt sich die Initiative auf die Aktionsfelder Smart Economy, Smart Environment, Smart Government, Smart Living, Smart Mobility und Smart People. Denn auch hier ist man sicher: Städte sind nur dann smart, wenn sie die Bedürfnisse ihrer Bewohner kennen und erfüllen.

Quelle: bee smart city GmbH (Hrsg.) (2019), „Smart City / Smart Region: Handlungsleitfaden für Praktiker*innen

Wie wird eine City Smart? Das Aktionsnetzwerk „Bee Smart City“
identifiziert sechs Arbeitsfelder für die Transformation. 

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